Über die Haltung von sogenannten "Gnadenbrot-Pferden"

von Dr. Daniela Danckert, Gut Aiderbichl Henndorf, Privatstiftung für Tierrechte

Gnadenbrotpferde sind Pferde, die aufgrund ihres Alters oder von Erkrankungen nicht mehr im Stande sind, ihren ursprünglichen Verwendungszweck voll zu erfüllen. Das heißt, sie können zum Beispiel nicht mehr im Turniersport gehen oder täglich längere Zeit geritten werden. Die Gründe dafür sind äußerst vielfältig; bei genauem Hinsehen stellt man aber fest, dass ein großer Prozentsatz aller Gnadenbrotpferde durchaus noch kein hohes Alter erreicht hat. Diese niedrige Lebenserwatung sowie die zum Teil irreparablen Schäden und zahlreichen Erkrankungen, die das Pferd zum Gnadenbrotpferd werden lassen sind häufiger das Resultat fehlerhafter Haltung, als allgemein bekannt ist. In einer Studie (von A. Rodenwald) an 172 Pferden fand man in 35% der Fälle Lahmheiten, bei 21% der Tiere wurden Krankheiten der Atemwege diagnostiziert, Störungen des Verdauungsapparates folgten mit 14%, Verletzungen waren mit 13% vertreten. Andere Erkrankungen beliefen sich auf 17%. Vor allem die am häufigsten vorkommenden Krankheitsgruppen, also Lahmheiten, Atemwegserkrankungen und Störungen des Verdauungsapparates sind zum großen Teil von Haltungsfehlern ausgelöst.

1. Lahmheiten

Das Pferd ist ein hochspezialisiertes Lauftier und wird vom Menschen zu einer unphysiologischen Art der Bewegung gezwungen. Bei der konventionellen Boxen- oder gar Ständerhaltung ( die eindeutig als tierschutzwidrig einzustufen ist) steht das Pferd meist 23 von 24 Stunden bewegungslos; dabei werden Muskeln, sehnen und Bänder nur mangelhaft durchblutet und die Gelenksflüssigkeit wird großteils vom Gelenksknorpel resorbiert. In der kurzen Zeit der Bewegung wird dem Pferd oft eine hohe Leistung ohne eine ausreichende Aufwärmphase abverlangt ( besonders im Profisport herrscht oft Zeitmangel). Gelenke und Sehnenscheiden brauchen nachweislich mindestens eine zwanzigminütige Schrittphase, um genügend Gelenksflüssigkeit nachzubilden. Das Resultat sind z.B. Knorpelabsprengungen (sog. Chips). Sehnen- und Bänderüberdehnungen oder ähnliches, die auf Dauer zu Arthrosen und somit zu chronischen Lahmheiten führen können, welche in vielen Fällen vermeidbar gewesen wären.
Ein Pferd, das wegen chronischer Lahmheiten zum Gnadenbrotpferd geworden ist, muss eine optimierte Betreuung und Haltung vorfinden, um noch eine gute Lebensqualität zu haben. Die Ursache der Lahmheit sollte bei einem Fachtierarzt für Pferde genau festgelegt und entsprechend behandelt werden. Anschließend muss das Pferd ganztägig Gelegenheit haben, sich zu bewegen (Paddockbox plus zusätzlicher Auslauf mit geeigneten Artgenossen oder Lauf- bzw. Offenstall: Die benötigte Mindestfläche pro Pferde im Stall ist die doppelte Widerristhöhe zum Quadrat.)
Hierbei ist wichtig, dass die Bewegung ohne Belastung erfolgt, das heißt, das Pferd kann selbst bestimmen, wie viel es sich bewegen will. Unserer Erfahrung nach erholen sich gerade Pferde mit chronischen Lahmheiten oft erstaunlich gut, wenn man ihnen genügend Zeit lässt. Sehnenschäden zum Beispiel brauchen etwa ein Jahr bis zur haltbaren Reparation. Diese Zeit wird leider in den wenigsten Fällen einem Pferd zur Regeneration zugestanden, in der Regel sind solche Tiere mehrfach für mehrere Wochen oder bestenfalls einige Monate ruhiggestellt und dann wieder langsam in die Belastung genommen worden. Nach einiger Zeit tritt die Lahmheit dann wieder auf. Die schlimmsten Fälle, die wir mit solchem Werdegang sahen, wiesen bereits Verknöcherungsherde in den betroffenen Sehnen auf.
Bei entsprechender Optimierung der Haltung kommt es nach unserer Erfahrung fast immer zu starker Besserung des Zustands, wie weit die Besserung gehen kann, hängt natürlich letztendlich vom Grad der zu Grunde liegenden Erkrankung ab. Manche Pferde können durchaus wieder leicht geritten werden, es ist dann allerdings streng darauf zu achten, dass solche Tiere nicht wieder in Hände geraten, die sie erneut zu Leistung heranziehen wollen. Sollte jemand bereit sein, sich eines solchen Pferdes anzunehmen, sollten diese Personen sehr gefestigt sein und sich nicht in Versuchung führen lassen, von dem Pferd zu viel zu verlangen. Das „ Geheimnis“ liegt in der gleichmäßigen und ruhigen täglichen Bewegung, die das Pferd großteils selbst bestimmen kann. Die in vielen Ställen üblichen „Ruhetage“ an denen die Tiere im Stall bleiben müssen, sind für gesunde Pferde schon schlimm genug, für vorbelastete Tiere jedoch möglicherweise der Auslöser für die nächste Lahmheit. Durch den aufgestauten Bewegungsdrang macht das Pferd oft Bocksprünge und schnelle Stops, die den Bewegungsapparat sehr belasten und vorhandene Probleme verschlimmern oder neue entstehen lassen können. Dieser Effekt tritt nachweislich auch bereits auf, wenn Pferde in konventionellen Boxen ohne zusätzlichen Auslauf gehalten werden.
Ebenfalls eine große Rolle spielt die Bodenbeschaffenheit. Idealerweise sollte der Boden eines Auslaufs befestigt sein, damit bei schlechtem Wetter der Boden nicht tief und schwer wird und das Pferd erneut Gelenke und Bänder stark belastet. Dabei darf der Boden nicht hart sein, sondern soll weich federn und staubarm sein. Es sind heute viele Produkte auf dem Markt, die diesen Anforderungen genügen können. Auch für den Boden gilt natürlich, dass er gut saubergehalten werden muss, um seine Eigenschaften beizubehalten.

2. Atemwegserkrankungen

Für die Krankheiten der Atemwege ist häufig ein schlechtes Stallklima verantwortlich. Man schaue sich in beliebig vielen konventionellen Reitställen um, es wird kaum ein Betrieb dabei sein, in dem nicht ein größerer Prozentsatz der Pferde mit Hustenproblemen zu kämpfen hat. Die Pferdelunge ist äußerst empfindlich gegen in der Luft enthaltene Schadgase wie Ammoniak, Schwafelwasserstoff oder Kohlendioxid. Betritt man einen Stall und registriert einen Geruche nach Ammoniak, so ist dessen Konzentration in der Luft für Pferde bereits gesundheitsschädlich. Ein gesunder Stall ist gut durchlüftet (Luftbewegung 0,1-0,3 m/s) und folgt gemäßigt der Außentemperatur. Oft findet man aber im Winter in den Ställen Fenster und Türen geschlossen, damit der Mensch während seines Aufenthalts im Stall nicht friert: die Schadgas- und Staubgehalte der Luft steigen allerdings in der warmen Luft stark an. Das Pferd hat bei entsprechender Konditionierung im Gegensatz zum Menschen ein sehr gutes Thermoregulationsvermögen, es fühlt sich daher im sogenannten Kaltstall viel wohler und neigt viel weniger zu Krankheiten.
Bekommt man ein Gnadenbrotpferd, das wegen chronischer Bronchitis oder gar bereits Dämpfigkeit „ausgemustert“ worden ist, empfiehlt es sich wiederum, die Haltungsbedingungen bestmöglich zu optimieren, das heiße, auch diese Pferde müssen, nachdem sie tierärztlich untersucht worden sind, freien Zugang nach draußen haben (Paddockbox oder Offenstall), die Einstreu muss staubfrei sein (oft sind die Pferde heu- oder strohallergisch, geeignet sind zum Beispiel staubfreie Hobelspäne o.ä., auch hier gibt es eine große Anzahl von geeigneten Einstreumaterialien auf dem Markt) und ebenso das Futter. Anstatt Heu empfiehlt sich beispielsweise Silage oder spezielle staubfreie Heuprodukte (im Handel erhältlich). Erst wenn die Umweltbedingungen optimiert sind, kann eine eingeleitete intensive Therapie noch einige Verbesserung bringen. Auch bei chronischen Atemwegskrankheiten sollte man allerdings darauf achten, dass das Pferd noch eine Lebensqualität hat und nicht mit Erstickungsanfällen zu kämpfen hat: wenn in solchen Fällen keine Verbesserung zu erreichen ist, sollte man das Tier einschläfern lassen. Im Sinne des Pferdes sollte dies in gewohnter Umgebung geschehen, ohne dass es noch transportiert werden muss. Jeder, der Pferde besitzt, sollte finanziell so situiert sein, dass in so einem Fall die durchschnittlich eintausend Mark Schlachtpreis kein Argument sein sollten, das Pferd auf einen Schlachtpferdetransport nach Belgien oder Italien zu schicken.

3. Krankheiten des Verdauungstrakts

Auch der Verdauungstrakt wird durch die Haltung im Stall sehr belastet. Das Verdauungssystem der Pferde ist darauf ausgerichtet, etwa 16 Sunden am Tag Nahrung in kleinen Mengen aufzunehmen. Der Pferdemagen ist daher relativ klein und kann nicht große Mengen Futter auf einmal aufnehmen. Die Futterrationen sind also auf möglichst viele Portionen täglich zu verteilen.
Ein wichtiger Aspekt der häufigen Fütterung ist auch das Beschäftigungs- und Kaubedürfnis der Pferde. Wenn ein Leistungspferd zu viel energiereiche Nahrung bekommt und zu wenig Raufutter (Fresszeit stark verkürzt), können durch das Kaudefizit Verhaltensstörungen auftreten. Das kann so weit gehen, dass ein Pferd ein extremes Verteidigungsverhalten und Futterneid entwickelt und jedes Wesen, ob Mensch oder Tier, von seiner Box vertreiben will.
Darüber hinaus darf das Pferd einen gewissen Anteil an Raufutter in seiner Ration nicht unterschreiten, da sonst die Bakterienflora beginnt abzusterben und Koliken und Hufrehe auslöst.
Jeder Pferdehalter sollte sich ausführlich über Pferdefütterung informieren, auch wenn das Pferd in einem Reitstall untergestellt ist und automatisch gefüttert wird. Es gibt zum Beispiel Futtermittel wie Zuckerrübenschnitzel, welche ein wertvolles Pferdefutterdarstellen, uneingeweicht verfüttert aber Schlundverstopfungen bis zu tödlichen Koliken durch Magendurchbruch auslösen können.
Ein weiterer häufig anzutreffender Fehler ist die plötzliche Futterumstellung. Die Darmflora des Pferdes ist genau auf die gewohnte Nahrung angepasst; ändert sich diese plötzlich, sterben viele dieser Kleinstlebewesen ab und verursachen Hufrehe und Koliken. Besonders im Frühjahr ist vor allem auf dem Land nicht jedem Pferdehalter bekannt, dass Pferde von Heu- nicht abrupt auf Grasfütterung umgestellt werden dürfen, da der hohe Zucker- und Energiegehalt des jungen Grases Hufrehe auslösen kann. Diese ist umgehend durch einen Tierarzt in Zusammenarbeit mit einem Hufschmied zu behandeln. Pferde mit chronischer Hufrehe sind auch meist Gnadenbrotpferde, die entsprechend ihres Röntgenbefundes behandelt und eventuell beschlagen werden müssen. Ist allerdings das Hufbein bereits nahe am Durchbrechen durch die Hufsohle, ist es ein Akt des Tierschutzes, dieses Pferd auf die bereits beschriebene Art und Weise von seinen extremen Schmerzen zu erlösen.

4. Verletzungen

In der Praxis sieht man viele Verletzungen, die letztendlich auf Haltungsfehler zurückzuführen sind. In den meisten eingesessenen Reitbetrieben sind die Stalleinrichtungen zumeist schon auf Unbedenklichkeit geprüft, wenn man aber einen eigenen Stall baut, ist große Vorsicht geboten. Gefahrenquellen sind zum Beispiel herausstehende Haken oder Nägel, schmale Türklinken im Pferdebereich, ungesicherte Fensterscheiben ohne Sicherheitsglas, ungeeignete Koppelumzäunungen (z.B. Stacheldraht, unsichtbarer glatter Draht o.ä.) und viele Andere mehr was vielleicht auf den ersten Blick gar nicht gefährlich scheint.
Eine weitere Verletzungsquelle ist auch mangelnde Sorgfalt im Hufbeschlag. Stollen im Eisen erzeugen oft beim Hinlegen Verletzungen, oder durch zu lange Beschlagsperioden kann sich die Stellung der Hufe so stark verändern, dass sich das Pferd bei jedem Schritt streift und sich die Fesseln aufreibt. Ein guter Hufschmied, der regelmäßig gerufen wird (ca. alle 6-8 Wochen) kann solches verhindern.
Ein Grund, warum bei manchen Sportreitern die Pferde nicht mit anderen Pferden auf die Weide oder den Auslauf dürfen, ist die angeblich hohe Verletzungsgefahr. Dazu ist zu sagen, dass dies zum großen Teil eine Frage des Managements und des Einfühlungsvermögens des Stallpersonals ist. Grundsätzlich gilt, je kleiner und unstrukturierter der Raum ist, in dem sich die Pferde bewegen können, desto geschickter muss auch die Gruppenzusammenstellung sein. Pferde, die sich auf relativ engem Raum förmliche Kämpfe liefern, werden auf einer großen Wiese kaum aneinander geraten, da viel Platz zum Ausweichen gegeben ist. Es gibt heutzutage sehr gut durchdachte Modelle der Freilaufhaltung, die durchaus auch für Sportpferde geeignet sind. Rangniedrige Tiere können hier durch Einrichtung von Fressständen und geeigneten Schlafräumen mit zwei Ausgängen ungestört ruhen oder fressen. Zwei bereits bewährte Modelle sind von Ullstein (LAG = Laufstall-Arbeitsgemeinschaft, München) und Grünbeck (SIB = Sozial-Integrativer Bewegungsstall, Gr. Neusiedl, Österreich) entwickelt worden. Diese Art von Haltung ist auch für Gnadenbrotpferde in der Regel sehr gut geeignet. Manchmal fehlt diesen Pferden die Motivation, sich von selbst zu bewegen; auch hier hilft die Anregung durch Artgenossen und die geschickte Verteilung von Futter- und Wasserstellen. Es ist allerdings bei der Eingewöhnung eines neuen Pferdes in eine bestehende Gruppe besondere Sorgfalt angebracht. Pferde aus jahrzehntelanger konventioneller Boxenhaltung ohne jeglichen Freilauf mit Artgenossen haben anfangs Schwierigkeiten sich zu integrieren. Hierbei hilft zunächst eine Box innerhalb des Laufstalls, wo das Pferd Sicht- und Geruchskontakt mit der Gruppe aufnehmen kann, ohne dass die Pferde sich gegenseitig verletzen können. Zusätzlich sollte der Neuling mehrfach Gelegenheit bekommen, sich frei zunächst mit einem verträglichen Gruppenmitglied, dann nach und nach mit anderen Pferden aus der Gruppe bewegen. Die Zeit der Integration kann sich in Extremfällen durchaus über mehrere Wochen bis sogar Monate hinziehen. Ein Beispiel dafür lieferte uns eine neunjährige Norikerstute, die in einem Kuhstall neben den Kühen in einem kleinen Verschlag lebte. Auslauf kannte sie nur unregelmäßig, etwa einmal in der Woche, Kontakt zu Artgenossen gab es nicht. Nach ihrem Umzug war ihr gesamtes Verhalten vor allem von Angst vor anderen Pferden geprägt. Sie wurde jetzt in einer geräumigen Paddockbox gehalten, traute sich aber zunächst nicht auf den Paddock, geschweige denn mit anderen Pferden auf die Weide. Dort ging sie immer am Eingang hin und her und wartete bis sie zurück in ihre Box durfte. Erst nach mehreren Monaten begann sie sich anzuschließen; heute ist sie ein recht ranghohes Mitglied in einer etwa dreißigköpfigen Herde.
Natürlich sind leichte Verletzungen wie Schrammen von Bissen bei Gruppenhaltung nie ganz auszuschließen, bei kluger Raumeinteilung und Gruppenzusammenstellung sehen wir aber in der Regel kaum schwerwiegende Verletzungen, die sich die Tiere gegenseitig zufügen.
Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich, dass die Haltung von Gnadenbrotpferden bestmöglich deren Bedürfnissen gerecht werden soll, damit ihre Grundleiden eine Besserung erfahren können. Die für den Pferdebesitzer einfachste Lösung stellen dabei Betriebe dar, die nach den Konzepten SIB oder der LAG (siehe oben) konzipiert sind. Hierbei ist garantiert, dass die Pferde zur Bewegung motiviert werden, auch wenn sie sich aus eigenem Antrieb wenig bewegen würden. Futter- und Wasserstellen sind weit voneinander entfernt, Kraftfutterausgabe z.B. durch einen Slalomkurs erreichbar. Selbst wenn Pferdebesitzer an manchen Tagen keine Zeit für ihre Tiere haben, entstehen in solchen Ställen nicht die gefürchteten „Ruhetags-Krankheiten“.
Ein ehemaliges Polizeipferd, das wegen mehrfacher Gelenksarthrosen zum Gnadenbrotpferd geworden war, stand die erste Zeit auf seinem Auslauf vor allem wegen seiner starken Schmerzen nur an einer Stelle. Beinahe war schon die Entscheidung getroffen, den Wallach einzuschläfern, als er begann, sich mit einer Stute anzufreunden und ihr nachzulaufen. Im Lauf der nächsten Wochen wurde er mit entsprechender tierärztlicher Therapie immer lauffreudiger; nach einem halben Jahr ging er lahmfrei (ohne weitere Therapie) und bewegte sich von selbst. Er konnte sogar wieder leicht geritten werden, wobei man ihn in seinem Übereifer oft bremsen musste. Diese Verfassung hielt sogar über den Winter an, wo er ebenfalls mehrere Stunden täglich Gelegenheit zu freiem Gruppenauslauf hatte.
Wenn der tägliche Auslauf garantiert ist, sind Paddockboxen kombiniert mit täglichem mehrstündigem Auslauf mit Artgenossen auf der Weide oder einem befestigten Platz ebenfalls eine sehr gute Lösung für die Pferdehaltung. Bei der Suche nach einem geeigneten Einstellplatz für ein Pferd muss besonders darauf geachtet werden, ob auch bei dauerhaft schlechtem Wetter die Möglichkeit des freien Auslaufs besteht. Hier ist eine Reithalle in der Regel nicht ausreichend, da dort neben dem meist stattfindenden täglichen Reitbetrieb keine Möglichkeiten zu längerem Freilauf gegeben sind. Vielmehr sollte ein befestigter Außenplatz existieren, der witterungsunabhängig zu begehen ist. Wiesen sind keine geeigneten Ganzjahresausläufe, da sie bei schlechtem Wetter rutschig und tief werden; zudem zerstören die Pferde bei nassem Wetter die Grasnarbe.
In den letzten Jahren ist zwar eine steigende Tendenz zur bedarfsgerechten Pferdehaltung zu erkennen, es gibt aber nach wie vor zu viele Betriebe, die die aktuellen Erkenntnisse über Pferdehaltung nicht umsetzen können oder wollen. Hartnäckig hält sich zum Beispiel das Gerücht, dass Pferde mit zusätzlichem Auslauf mit Artgenossen beim Reiten unlustig und müde werden. Das Gegenteil ist der Fall. Selbst ein Pferd, das in seiner ursprünglichen Haltung (Innenbox mit gelegentlicher Führmaschine) grundsätzlich faul und nur mit Sporen und Gerte zu reiten war, hatte nach Haltungsänderung (Paddockbox mit mehrstündigem täglichem Auslauf mit Artgenossen) eine viel größere Motivation, ging freiwillig vorwärts und verspannte seine Muskeln nicht mehr. Der vermeintliche Fleiß, den ein Boxenpferd ohne regelmäßigen Auslauf manchmal an den Tag legt, ist meist aufgestauter Bewegungsdrang und entlädt sich niemals in lockerer dem Pferd angenehmer Bewegung, sondern immer in verspannten Tritten und Sprüngen, die vielleicht spektakulär aussehen, aber den Pferdekenner nicht täuschen können; sie sind Ausdruck einer den ganzen Körper betreffenden Muskelverspannung, die auf Dauer wieder zu Schäden führen muss.
Es gäbe viel weniger Gnadenbrotpferde, wenn die Haltungsbedingungen ausreichend optimiert würden. Dies ist oft mit relativ wenig Aufwand realisierbar, wie eine Aktion einer deutschen Reiterzeitschrift ergab, wo Betriebe prämiert wurden, die ihren Stall möglichst pferdegerecht auf- oder umbauten. Entschließt sich aber jemand zur Aufnahme eines Gnadenbrotpferdes, so sollten auch die finanziellen Mittel vorhanden sein, das Tier bestmöglich medizinisch betreuen zu lassen und es in einer optimalen Haltung unterzubringen sowie es, wenn nötig, in Würde sterben zu lassen oder einzuschläfern. Das Pferd wird es in der Regel durch deutlich erkennbaren Verbesserung seines Allgemeinbefindens danken!

Zum Abschluss seien die Ethischen Grundsätze zitiert, die für jeden, der Pferde hält, selbstverständlich sein sollten (aus „Die ethischen Grundsätze des Pferdefreundes“, Deutsche Reiterliche Vereinigung, Januar 1999):

1. Wer auch immer sich mit Pferden beschäftigt, übernimmt die Verantwortung für das ihm anvertraute Lebewesen.

2. Die Haltung des Pferdes muss seinen natürlichen Bedürfnissen angepasst sein.

3. Der physischen und psychischen Gesundheit des Pferdes ist unabhängig von seiner Nutzung oberste Bedeutung einzuräumen.

4. Der Mensch hat jedes Pferd gleich zu achten, unabhängig von dessen Rasse, Alter und Geschlecht sowie Einsatz in Zucht, Freizeit und Sport.

5. Das Wissen um die Geschichte des Pferdes, um seine Bedürfnisse sowie Kenntnisse im Umgang mit dem Pferd sind kulturgeschichtliche Güter. Diese gilt es zu wahren und zu vermitteln und nachfolgenden Generationen zu überliefern.

6. Der Umgang mit dem Pferd hat eine persönlichkeitsprägende Bedeutung gerade für junge Menschen. Diese Bedeutung ist stets zu beachten und zu fördern.

7. Der Mensch, der gemeinsam mit dem Pferd Sport betreibt, hat sich und das ihm anvertraute Pferd einer Ausbildung zu unterziehen. Ziel jeder Ausbildung ist die größtmögliche Harmonie zwischen Mensch und Pferd.

8. Die Nutzung des Pferdes im Leistungs- sowie im allgemeinen Reit-, Fahr- und Voltigiersport muss sich an seiner Veranlagung, seinem Leistungsvermögen und seiner Leistungsbereitschaft orientieren. Die Beeinflussung des Leistungsvermögens durch medikamentöse sowie nicht pferdegerechte Einwirkung des Menschen ist abzulehnen und muss geahndet werden.

9. Die Verantwortung des Menschen für das ihm anvertraute Pferd erstreckt sich auch auf das Lebensende des Pferdes. Dieser Verantwortung muss der Mensch stets im Sinne des Pferdes gerecht werden.

Weiterführende Literatur:
Handbuch Pferd: Zucht, Haltung, Ausbildung; Peter Thein, BLV-Verlag München, 2000

Die Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes; Deutsche Reiterliche Vereinigung, 1999

Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten, BMELF, Sachverständigengruppe tierschutzgerechter Pferdehaltung, 1998

Leitlinien Tierschutz im Pferdesport; BMELF, Arbeitsgruppe Tierschutz im Pferdesport, 1998

Richtlinien für Reiten und Fahren; Deutsche Reiterliche Vereinigung; Bände 1-5, aktuelle Ausgaben